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Ulrich von Liechtenstein und das Turnier von Friesach
Ulrichs höfischer Liebesroman „Frauendienst“ (um 1255)

Lesezeit: 1:05 min

Strophen von Ulrich von Liechtenstein zum Ritterturnier in Friesach: In seinem Versroman Frauendienst, verfasst um 1255, schildert der Kärntner Edelmann Ulrich von Liechtenstein seine Reisen und Turniere durch die Alpenländer. Eine der eindrucksvollsten Episoden beschreibt ein großes Turnier in Friesach, einer der bedeutendsten mittelalterlichen Städte Kärntens.

Original (Mittelhochdeutsch): „Ze Frisach was manic ritter guot, di mîn dâ piten durch hôhen muot, und durch diu reinen süezen wîp was dâ der hôch gemuoten lîp.“

Moderne Übersetzung:  „In Friesach waren viele edle Ritter, die dort mit hohem Mut auf mich warteten; und durch die reinen, holden Frauen herrschte dort ein Geist edler Freude.“

Zweck der Strophen: Ulrichs Verse waren nicht bloß Berichte über Turniere – sie waren poetische Huldigungen an ritterliche Tugend und höfische Minne. Durch die Schilderung des Turniers in Friesach ehrte er die Ideale von Mut, Ehre und Hingabe, die die Welt des Rittertums prägten.

Literarisch und erzählerisch: Die Strophen gaben seinem Bericht Struktur und Rhythmus und verwandelten reale Ereignisse in Szenen heroischer Pracht.

Ausdruck ritterlicher Identität: Ulrich zeigte sich als idealer Ritter – tapfer im Kampf, kultiviert im Auftreten und seiner Dame im Sinne der Minne treu ergeben.

Erinnerung und Ansehen: Seine Verse bewahrten die Erinnerung an große Zusammenkünfte von Rittern und Edelleuten und stärkten zugleich sein eigenes Ansehen wie auch das ritterliche Erbe Kärntens.

Festlicher und politischer Sinn: Das Friesacher Turnier hatte auch zeremonielle und politische Bedeutung, da es Adelsgeschlechter und Landesfürsten vereinte. Ulrichs Dichtung machte dieses Ereignis zu einem bleibenden kulturellen Denkmal.

Die ersten zehn Strophen
von Ulrich von Liechtenstein

für das Ritterturnier in Friesach
Lesezeit: 2:10 min

Einführung

Ulrich von Liechtenstein, ein steirischer Ritter und Dichter des 13. Jahrhunderts, schildert in seinem allegorischen Werk Frauendienst seine ritterlichen Taten im Dienste der „Königin Venus“, Sinnbild der höfischen Liebe.

Eines der eindrucksvollsten und bekanntesten Erlebnisse ist das Turnier von Friesach, bei dem Ulrich, als „Diener der Venus“ verkleidet, an zahlreichen Tjosten teilnahm. Der Bericht verbindet historische Wirklichkeit mit dichterischer Gestaltung und vermittelt ein lebendiges Bild mittelalterlicher Ideale von Ehre, Tapferkeit und Minne.

Das Ritterturnier | Strophe 1

Vor den Mauern der Stadt Friesach versammelten sich über dreißig Ritter – prächtig gerüstet und zum Kampf bereit. Die Pferde schnaubten ungeduldig, die Sporen funkelten, und das Krachen der Lanzen erfüllte die Luft. Jeder wollte seine Tapferkeit unter Beweis stellen und Ruhm erringen.

Der Glanz der Rüstung | Strophe 2

Ein Ritter aus dem Norden lenkte sein Pferd mit stolzer Haltung in mächtigen Sprüngen. Seine Rüstung glänzte, an seinem Zaum erklangen helle Glöckchen, und die seidene Zier seines Harnischs schimmerte in Rot, Grün und Gold. Kein anderer Ritter konnte ihm an Pracht gleichkommen.

Der Anritt | Strophe 3

In der Hand hielt er eine kunstvoll verzierte Lanze, geschmückt mit feinen Glöckchen. Sicher und selbstbewusst bereitete er sich auf den Tjost vor. Mit einem kräftigen Sporenstoß ließ er sein Pferd anstürmen – ein Anblick von erhabener Schönheit.

Der Zusammenstoß | Strophe 4

Mit gewaltiger Wucht traf er meinen Schild, sodass die Riemen zerrissen, als hätte der Donner eingeschlagen. Splitter flogen, meine Lanze brach an seiner Schulter wie ein dürrer Ast. Das Krachen hallte über das Feld, und für einen Moment verstummte das Publikum.

Das Ende des Kampfes | Strophe 5

Die Glöckchen seiner Lanze erklangen weithin, Schilde barsten, und ich trat noch gegen vier weitere Gegner an. Fünf goldene Ringe gewann ich als Preis, und viele wünschten mir Glück auf meiner weiteren Reise.

In der Herberge | Strophe 6

Nach dem Turnier kehrte ich in meine Herberge zurück und sandte den Rittern kleine Geschenke – goldene Ringe als Zeichen des Dankes. Zwanzig Lanzen hatte ich an diesem Tag gebrochen – ein stolzes Zeichen meiner Kraft und meines Glücks.

Neue Gewandung | Strophe 7

Nach kurzer Rast kleidete ich mich neu: ein frischer Mantel, ein neues Wams, alles aus feinem Stoff. So wollte ich meine Reise würdig und standesgemäß fortsetzen.

Weiterreise | Strophe 8

Von Glemaun zog ich weiter. Die meisten Ritter verabschiedeten sich, doch drei blieben an meiner Seite: Herr Heinrich von Lienz und zwei edle Männer aus dem Welschland – tapfere und treue Gefährten.

Begegnung mit dem Herzog | Strophe 9

Am frühen Morgen brach ich von Thörl auf. Auf einer grünen Wiese hatte der Herzog mit etwa hundert Rittern ein festliches Mahl bereitet. Als ich die glänzende Schar erblickte, ließ ich eine feierliche Weise erklingen, die weithin über das Land hallte.

Der Empfang | Strophe 10

Als der Herzog den Klang hörte, fragte er erstaunt: „Wer zieht dort ein?“ – „Es ist die Königin Venus, wie in ihren Briefen angekündigt“, lautete die Antwort. „Dann heiße sie willkommen!“, sprach der Herzog. „Wir wollen sie mit Glanz empfangen.“